Schatten der Nacht

Er wird wach und schaut sich in seinem Schlafzimmer um, es ist Nacht, das einzige Licht in seinem Raum, stammt vom Mond der durch sein Fenster hinein scheint.

Er beobachtet die Schatten an seiner Wand, bizarre Gestalten zeichnen sich ab, Wesen, düsterster Erinnerung, Gestalten die ihn niemals loslassen. Sein Kopf wiegt schwer von den Erinnerungen an jene die er in den Schatten erblickt, „Freunde“, „Familie“, Menschen die ihm einst was bedeutet, die er liebte, Menschen die ihn hintergangen haben, die seine Seele zerrissen, ihn seiner Selbst beraubten, Menschen die ihn zum dem gemacht haben der er heute ist. Melancholie übernimmt seinen Geist, was war es schön zu Leben ohne zu wissen, ohne darüber nachdenken zu müssen was die Menschen von einem halten, zu denken alles sei schön, dass die Menschen die er nun in den Schatten erblickt immer für einen da sind, das sie einem helfen, das sie einen lieben.

Er steht auf und begibt sich ins Bad um sich zu erfrischen, sich Wasser ins Gesicht zu spritzen, den Kopf frei zu bekommen.

Er steht am Waschbecken, die Augen geschlossen, hält kurz inne um darüber nachzudenken was er vor sich hat, wenn er in den Spiegel schaut, er denkt an sich, seinen Geist, wer er ist und wer er war, denkt darüber nach was er immer wollte und was er nun hat, überlegt ob er sein Leben so leben wollte, ob es vielleicht einfach alles so sein sollte.
Er öffnet die Augen, den Kopf nach unten gerichtet den Blick auf seine Hände gerichtet, er starrt auf die Narben an seinem Handgelenk, erinnert sich an jenen Abend als er alles beenden wollte, durch einen Zufall, hatte er damals überlebt, er wollte einen Schlussstrich ziehen, doch war es einer dieser Zufälle die keiner erahnen konnte, er war bereit für immer zu Ruhen, doch hatte ihm das Schicksal einen Strich durch seine Rechnung gemacht, welch eine Schande, dachte er sich damals, alles wäre doch so viel einfacher gewesen, keine Schmerzen mehr, weder körperlich noch seelisch, einfach nur Ruhe, keiner der ihn mehr unterdrückt, keiner der ihn mehr erniedrigen könnte, doch nun ja es kam alles anders.
Sein Blick wanderte nach oben, immer weiter Richtung Spiegel, bis er sein Gesicht sehen konnte, jedes einzelne Detail seines Gesichts prägte er sich ein, er wirkte schwach, nahezu krank, die fahle Haut, die tiefen Augenringe, die geweiteten Pupillen, die feinen roten Äderchen in seinen Augen.

Er seufzte und drehte den Wasserhahn auf, alles lastet schwer auf seiner Seele, seine Vergangenheit, sogar die Vergangenheit jener die er liebt lastet schwer auf ihm, Geschichten die er gehört hatte, die er nie vergessen konnte, Dinge die für ihn unvorstellbar waren, die er nicht nachvollziehen konnte, Dinge die er nie Verstand, Dinge die so schrecklich waren das er ihr Ausmaß nicht begreift, all dies lastet auf seiner Seele.

Er spritzt sich kaltes Wasser ins Gesicht. Kalte Tropfen bahnten sich ihren Weg an seinem Kinn hinunter, entlang an seinem Hals bis runter zu seiner Brust. Er blickte abermals in den Spiegel, vergrub dann seine Hände in seinem Gesicht. Kälte durchfuhr seinen Körper, eine Kälte die ihn immer ergreift wenn er in Gedanken ist. Seine Haut spannte sich, Gänsehaut machte sich breit, als die kalten Wasserperlen seinen Bauch erreichte.
Er verweilte einen Augenblick in dieser Haltung, nochmal über alles nachdenkend.

Er ging zurück in sein Schlafzimmer, schaute zu seinem Bett, betrachtete die unruhigen Falten in auf seiner Bettdecke, die bizarren Gestalten an seiner Wand tänzelten um ihn herum, schienen ihn zu verhöhnen, er drehte sich halb zu den Schatten, und dachte einen einzigen Satz:

„Danke sehr, danke das ihr mich zu dem gemacht habt, der ich bin, danke das ihr mir den Mut genommen habt, damit ich ihn wiederfinden konnte, danke das ihr mir die Augen geöffnet habt.“

Bei diesen Worten die er dachte verschwanden die bizarren Wesen aus seiner Vergangenheit und leblose Schatten blieben zurück.

Er ging langsam hinüber zu seinem Bett, er betrachtete abermals die unruhigen Falten seiner Bettdecke, schweifte mit seinem Blick weiter oben, bis in ihr Gesicht, das silbrige Mondlicht beschien ihre Haut, ließ sie leicht schimmern, er legte sich wieder neben sie, betrachtete ihr schönes Gesicht, strich eine Strähne ihres Haares aus ihrem Gesicht.
Er schmiegte sich an ihrem warmen Körper, es war eine Wärme die jegliche Kälte und jeden düsteren Gedanken in ihm endgültig ausmerzte, alles was in ihm zurückblieb war Zufriedenheit und Glück.

Sie bewegte sich im Schlaf und zog ihn an sich ran, er sah sie ein letztes mal an, lächelte und küsste sie auf die Stirn, dann schloss er die Augen und dachte an seine Zukunft:

„Danke, dass es dich gibt, dass du mich aus meiner Vergangenheit geholt hast und dass du mir eine Zukunft geschenkt hast.“

8.6.12 02:20

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